Als Videokonferenzen noch Zukunft waren: Die Anfänge von alfaview in Karlsruhe
Digitale Souveränität ist eines der großen Themen der europäischen Technologiepolitik. Behörden, Unternehmen und Bildungseinrichtungen suchen zunehmend nach Alternativen zu den marktbeherrschenden US-Plattformen. Dass eine solche Alternative bereits viele Jahre vor dem Boom der Videokonferenzen in Karlsruhe entstand und ursprünglich nicht als Softwareprodukt, sondern aus dem Wunsch nach barrierefreier Bildung, dürfte selbst in der Technologieregion nur wenigen bekannt sein. Ein Gespräch mit Claudia Baum, Leiterin der Unternehmenskommunikation der Alfa-Unternehmensgruppe.
Als während der Corona-Pandemie Videokonferenzen innerhalb kurzer Zeit zum festen Bestandteil des Arbeitsalltags wurden, etablierten sich Plattformen wie Microsoft Teams, Zoom oder Google Meet als zentrale Werkzeuge der digitalen Zusammenarbeit. Die Entwicklung moderner Videokonferenztechnologien begann jedoch deutlich früher. Bereits rund zehn Jahre zuvor wurde in Karlsruhe an einer Lösung gearbeitet, die ursprünglich für einen ganz anderen Einsatzzweck gedacht war.
Digitale Bildung als Ausgangspunkt
Anfang der 2010er-Jahre steckte Videokommunikation noch in den Kinderschuhen. Skype gehörte zu den wenigen verfügbaren Anwendungen und war vor allem für Gespräche zwischen einzelnen Personen ausgelegt. Digitale Unterrichtsräume mit mehreren Dutzenden oder gar Hunderten Teilnehmenden waren damals kaum denkbar.
„Wir haben als erstes Weiterbildungsunternehmen in Deutschland eine eigene Videotechnik entwickelt, zunächst für den eigenen Bedarf. Wir haben früh erkannt, dass die berufliche Weiterbildung digitale Formate braucht“, erinnert sich Claudia Baum, Leiterin der Unternehmenskommunikation der Alfa-Unternehmensgruppe.
Anders als viele Videokonferenzlösungen, die zunächst als kommerzielle Softwareprodukte entwickelt wurden, entstand alfaview also aus den Anforderungen der beruflichen Weiterbildung. Im Mittelpunkt stand von Beginn an die Frage, wie sich Bildungsangebote unabhängig von Wohnort oder individuellen Voraussetzungen digital zugänglich machen lassen. Aus diesem Anwendungsfall entwickelte sich Schritt für Schritt eine Videokonferenzplattform, die später auch in anderen Bereichen zum Einsatz kam.

Barrierefreiheit von Anfang an mitgedacht
Der Anspruch, digitale Teilhabe zu ermöglichen, prägt die Weiterentwicklung von alfaview bis heute. So integrierte das Unternehmen nach der Übernahme des KI-Unternehmens EML Speech Technology unter anderem automatische Transkriptionen und Übersetzungen in die Plattform. Ein weiterer Schritt folgte mit der Übernahme von Semanux. Das Unternehmen entwickelt Technologien, mit denen sich Software unter anderem per Augenbewegung, Gesten oder Mundbewegungen steuern lässt.
„Menschen, die ihre Hände nicht nutzen können, erhalten über die barrierefreien Steuerungsanwendungen von Semanux Zugang zu unseren und auch anderen digitalen Produkten. Mobilitätseingeschränkte Nutzer*innen können so an regulären Videokonferenzen teilnehmen – was sonst oft gar nicht möglich wäre“, erklärt Baum.
Der Fokus auf digitale Teilhabe zieht sich bis heute durch die Entwicklung von alfaview. Barrierefreiheit wurde nicht nachträglich ergänzt, sondern war bereits Teil des ursprünglichen Anwendungsfalls. Ziel war es von Beginn an, möglichst vielen Menschen den Zugang zu digitalen Bildungsangeboten und Zusammenarbeit zu ermöglichen.

Wettbewerb und digitale Souveränität
Über die Produktentwicklung hinaus engagiert sich das Unternehmen nach eigenen Angaben auch für einen fairen Wettbewerb im Markt für Videokonferenzlösungen. Gemeinsam mit Slack reichte alfaview bei der Europäischen Kommission Beschwerde gegen die Kopplung von Microsoft Teams an Microsoft 365 ein. Die Entscheidung der Europäischen Kommission soll zu mehr Wahlfreiheit und faireren Wettbewerbsbedingungen im Markt für Kollaborations- und Videokonferenzlösungen beitragen.
„Für uns als europäischer Anbieter war die Beschwerde bei der EU-Kommission ein großer Erfolg“, sagt Claudia Baum. „Die Entbündelung von Teams von der Office-Suite und die weitreichenden Verpflichtungszusagen von Microsoft haben den Wettbewerb gestärkt und zu mehr Innovationskraft und Wahlfreiheit auf dem Markt für Videokonferenzsysteme beigetragen.“
Eine Karlsruher Entwicklung mit europäischer Relevanz
Die Entwicklung von alfaview zeigt, wie aus einem konkreten Anwendungsfall am Digitalstandort Karlsruhe eine Technologie mit europäischer Relevanz entstehen konnte. Gerade vor dem Hintergrund der Debatte um digitale Souveränität verdeutlicht die Geschichte, welches Innovationspotenzial in regionalen Technologieunternehmen steckt.
Bilder, wenn nicht anders benannt: alfaview GmbH