Testfeld Urbane Robotik: Aufbauphase in Karlsruhe startet, FZI lädt zur Mitgestaltung ein
Lieferroboter auf dem Gehweg, Reinigungsroboter im Park, autonome Systeme, die städtische Infrastruktur inspizieren: was vor wenigen Jahren noch nach Science-Fiction klang, wird in Baden-Württemberg jetzt gezielt als Innovationsfeld aufgebaut. Die Arbeiten am Testfeld Urbane Robotik in Karlsruhe haben begonnen, zunächst konzeptionell. Das Ministerium für Wirtschaft, Arbeit und Tourismus Baden-Württemberg fördert die Aufbauphase am FZI Forschungszentrum Informatik mit rund einer Million Euro bis Mitte 2027. Ziel ist eine praxisnahe Erprobungsumgebung für Robotik im städtischen Raum, samt Infrastruktur und beispielhaften Anwendungen, die den Transfer aus Forschung in marktfähige Lösungen beschleunigen soll.
Vernetzung beginnt ab jetzt!
Noch entsteht kein fertiges Testareal im Stadtraum. Gefördert wird zunächst der Aufbau einer unternehmensnahen Transferplattform. Ein konzeptionell vorbereitetes, offenes Testfeld im innerstädtischen Raum soll danach ermöglichen, robotische Systeme unter realitätsnahen Bedingungen zu erproben und weiterzuentwickeln. Ziel ist es, insbesondere mittelständischen Unternehmen einen niedrigschwelligen Einstieg in urbane Robotikanwendungen zu bieten und Innovationszyklen zu verkürzen.
Mit den Arbeiten an der Konzeption des Testfelds beginnt auch der wesentliche Teil: die Vernetzung. Das FZI Forschungszentrum Informatik lädt Unternehmen, Kommunen und Forschungseinrichtungen ausdrücklich ein, Bedarfe und Anregungen einzubringen. Ein erster öffentlicher Austausch findet am 26. Februar 2026 im Rahmen des FZI Open House in Karlsruhe statt. Anschließend werden deutschlandweit Stakeholder eingeladen, im zweiten Quartal zu einem Workshop zusammenzukommen.
Warum Karlsruhe, warum jetzt?
Urbane Robotik gilt als Zukunftsfeld mit hohem Innovations- und Wertschöpfungspotenzial. Serviceroboter können Transport- und Assistenzdienste übernehmen, Mikro-Logistik unterstützen, Grünflächen pflegen oder Inspektionen in sensiblen Bereichen durchführen. Perspektivisch sollen solche Anwendungen Versorgungslücken schließen und neue Geschäftsmodelle ermöglichen.
In Karlsruhe kommen mehrere Faktoren zusammen, die für urbane Robotik entscheidend sind: eine starke Forschungslandschaft, ein aktives Innovationsökosystem und die Bereitschaft, neue Technologien nicht nur im Labor, sondern im Realraum zu testen. Genau hier setzt das Testfeld an. Die Landesregierung formuliert den Anspruch, exzellente Forschung schneller in die Praxis zu bringen und damit Baden-Württemberg als Wirtschaftsstandort zu stärken. In der offiziellen Mitteilung heißt es, das Testfeld solle den „Transfer von exzellenter Forschung in marktfähige Lösungen“ beschleunigen.
Ein Blick in die Robotik-Strategie des Landes zeigt, warum dieses Thema gerade jetzt Fahrt aufnimmt. Das Positionspapier „Intelligente Robotik der Zukunft“ beschreibt Baden-Württemberg als führende Region der Robotik mit einem hohen Anteil an Robotik-Herstellern in Deutschland und einer wachsenden Servicerobotik-Landschaft. Die Vision: Baden-Württemberg soll bis 2035 führende Innovationsregion für intelligente Mensch-Robotik-Systeme werden. Das Testfeld wird als unternehmensnahe Transferplattform im Innovationsökosystem „KI-basierte Robotik Baden-Württemberg“ entwickelt.

Welche Robotik-Anwendungen stehen im Fokus?
Die derzeit öffentlich verfügbaren Robotertypen bleiben bewusst auf Ebene von Anwendungsfeldern. Genannt werden unter anderem:
- Transport- und Assistenzdienste im öffentlichen Raum, etwa um alltägliche Aufgaben zu erleichtern.
- (Mikro-)Logistik, also neue Formen der „letzten Meter“ in der Stadtversorgung.
- Wartungs- und Reinigungsroboter, die städtische Grünflächen pflegen und Instandhaltung unterstützen sollen.
- Autonome Überwachungssysteme für Inspektionen und für Sicherheit, beispielhaft in Unterführungen und Parkanlagen.
Konkrete Robotermodelle oder Hersteller werden indes nicht genannt.
Zur Einordnung lohnt ein Blick auf bestehende kommunale Pilotierungen in Baden-Württemberg, auch wenn sie nicht Teil des Karlsruher Testfelds sind. Mannheim testete 2025 beispielsweise einen autonomen Reinigungsroboter für öffentliche Grünflächen, inklusive KI-gestützter Erkennung von Kleinstmüll, Sensorik zur Hinderniserkennung und Einbindung der Daten in eine städtische Datenplattform zur Hotspot-Analyse. Solche Beispiele zeigen, wie urbane Robotik in der Praxis oft als Mischung aus Robotik, Datenauswertung und kommunalen Prozessen zu verstehen ist.
Erprobung unter realen Bedingungen – mit klaren Rahmenbedingungen
Der Einsatz robotischer Systeme im urbanen Raum stellt hohe Anforderungen an Flexibilität, Autonomie und Robustheit. Gleichzeitig müssen regulatorische Fragen, Sicherheitsanforderungen und gesellschaftliche Akzeptanz von Anfang an mitgedacht werden.
Roboter im Stadtraum sind nicht nur Technik, sie sind öffentliche Infrastruktur auf Rädern oder Beinen. Entsprechend klar benennt das Land, dass urbane Robotik Fragen zu regulatorischen Rahmenbedingungen und gesellschaftlicher Akzeptanz aufwirft, die bisher nicht ausreichend adressiert wurden.
Rechtlich relevant sind dabei mehrere Facetten:
- Datenschutz: Wenn Systeme Umgebungen erfassen, etwa über Kameras, kann personenbezogene Datenverarbeitung entstehen. Der Europäische Datenschutzausschuss bietet dafür Leitlinien zur Videoverarbeitung im Sinne der DSGVO. Bei systematischer Überwachung öffentlich zugänglicher Bereiche kann eine Datenschutz-Folgenabschätzung erforderlich sein.
- Produktsicherheit und Maschinenrecht: Robotik fällt typischerweise in Produkt- und Maschinenkonformitätslogiken. Die EU-Maschinenverordnung 2023/1230 gilt ab 20.01.2027 verbindlich, was für Hersteller und Betreiber relevant wird, wenn Systeme in Verkehr gebracht oder in Betrieb genommen werden.
- Cybersecurity: Vernetzte Robotik ist auch IT-Produkt. Das BSI ordnet den Cyber Resilience Act als EU-weiten Mindestrahmen für Cybersicherheit vernetzter Produkte ein.

Welche Vorteile könnten Stadtroboter mittelfristig bringen?
Roboter könnten Alltagstätigkeiten unterstützen, neue Serviceangebote möglich machen und dort helfen, wo Personal knapp wird. Das Positionspapier des Landes verknüpft Servicerobotik ausdrücklich mit demografischem Wandel und Fachkräftemangel.
Für die Stadtlogistik ist der potenzielle Hebel besonders sichtbar: Mikro-Logistik kann Lieferketten kleinteiliger, lokaler und möglicherweise emissionsärmer machen, verschiebt aber auch Konflikte in den öffentlichen Raum – etwa um Gehwegnutzung, Barrierefreiheit und Prioritäten zwischen Fußverkehr, Radverkehr und Robotik. Eben diese Zielkonflikte können mit einem innerstädtischen Testfeld systematisch untersucht werden.
Wie können Karlsruher Unternehmen und Bürgerinnen und Bürger andocken?
Das FZI lädt ausdrücklich dazu ein, Bedarfe und Anregungen einzubringen. Gleichzeitig startet die Vernetzung sichtbar über ein erstes öffentlich angekündigtes Fachformat: Am 26.02.2026 findet im Rahmen des FZI Open House in Karlsruhe das „Forum Urbane Robotik“ statt.
Titelfoto: FZI Forschungszentrum Informatik