#DigiWomenKA: Christine Groß-Herick – Digitalisierung mit menschlicher Haltung
Als ich an einem sommerlichen Vormittag die Agentur für Arbeit in Karlsruhe betrete, werde ich bereits an der Eingangstür aufgehalten. „Wo haben Sie einen Termin?“, fragt mich der Security-Mitarbeiter. Erst nachdem ich meine E-Mail-Korrespondenz mit Christine Groß-Herick vorzeige, öffnet sich die Tür. Wenig später empfängt mich die Vorsitzende der Geschäftsführung der Agentur für Arbeit Karlsruhe-Rastatt gemeinsam mit ihrer Pressesprecherin Jessica Beiner in ihrem Büro. Auf meinen scherzhaften Hinweis, sie werde offenbar gut bewacht, antwortet sie mit einem Lächeln: Die Security sei vor allem dafür da, Besucher*innen schnell an den richtigen Ort zu lotsen.
Der erste Eindruck passt zu einem Thema, das unser Gespräch prägt: Wie gelingt Digitalisierung in einer Organisation mit mehr als 700 Mitarbeitenden, die täglich mit tausenden Menschen in Kontakt steht?
Christine Groß-Herick ist seit November 2024 Vorsitzende der Geschäftsführung der Agentur für Arbeit Karlsruhe-Rastatt. Die Juristin bringt langjährige Führungserfahrung mit: Zuvor leitete sie 16 Jahre die Agentur für Arbeit Landau. Seit Ende der 1990er-Jahre lebt sie in Karlsruhe. Heute verantwortet sie unter anderem die digitale Weiterentwicklung der Behörde und begleitet Unternehmen wie Beschäftigte bei den Veränderungen auf dem Arbeitsmarkt.
Digitalisierung ist mehr als neue Software
Für Christine Groß-Herick beginnt Digitalisierung nicht mit neuer Technologie, sondern mit den Menschen, die sie nutzen.
Aktuell arbeitet die Bundesagentur für Arbeit an der Einführung eines eigenen KI-Systems. Es funktioniert ähnlich wie ChatGPT, basiert jedoch auf europäischen Datenschutzstandards und wird ausschließlich mit dem Wissen der Bundesagentur trainiert. Künftig soll es Mitarbeitende unter anderem bei Beratungsgesprächen, Förderentscheidungen und im Wissensmanagement unterstützen.
Für Christine Groß-Herick ist die Einführung eines solchen Systems jedoch nicht allein eine technische Aufgabe. Digitalisierung werde nicht als reines IT-Projekt verstanden, sondern als organisatorische Veränderung, bei der die Mitarbeitenden mitgenommen werden müssten. Deshalb setzt die Bundesagentur auf Digitalbotschafter*innen in den Fachbereichen, kurze digitale Lerneinheiten – sogenannte Learning Nuggets – sowie Kultur-Workshops, die Raum für Austausch und Mitgestaltung schaffen.
„Bei uns kann niemand etwas falsch machen“, sagt Christine Groß-Herick. „Wir reden nicht von Abschaffung von Stellen, sondern davon, Kapazitäten freizusetzen für die Menschen, die persönliche Beratung brauchen.“

Human-Friendly Automation
Unter dem Leitmotiv Human-Friendly Automation verfolgt die Bundesagentur das Ziel, digitale Prozesse konsequent weiterzuentwickeln, ohne den Menschen aus dem Blick zu verlieren.
„Wir wollen die modernste digitale Dienstleisterin Europas werden“, sagt Christine Groß-Herick.
Neue KI-Anwendungen werden zunächst in einem Experience Center in Nürnberg erprobt und anschließend schrittweise in bestehende Prozesse integriert. Menschlichkeit, Empathie und Rechtssicherheit sollen dabei auch künftig die Grundlage der Arbeit bleiben.
Digitalisierung soll entlasten, nicht ersetzen
Standardisierte Aufgaben sollen künftig stärker automatisiert werden, damit mehr Zeit für persönliche Beratung bleibt. Gerade vor dem Hintergrund des demografischen Wandels sieht Christine Groß-Herick darin eine zentrale Aufgabe. Bis 2032 wird die Bundesagentur nach eigenen Angaben rund 40.000 Mitarbeitende verlieren.
„Nachrekrutieren lässt sich das kaum“, sagt sie.
Repetitive Aufgaben sollen deshalb verstärkt von KI und Automatisierung übernommen werden. Der Auftrag der Bundesagentur bleibe dabei unverändert: „Unser Auftrag ist klar: Menschen und Arbeit zusammenbringen – in jeder Lebenslage.“
Die Digitalisierung ist dabei längst Teil des Arbeitsalltags. Anträge auf Arbeitslosengeld oder Kurzarbeitergeld können inzwischen vollständig digital gestellt und bearbeitet werden. Antragsteller*innen können den Bearbeitungsstand online verfolgen, ein KI-gestützter Chatbot unterstützt bei ersten Fragen und beim Ausfüllen von Formularen. Gleichzeitig setzt die Bundesagentur auf eine eigene europäisch gehostete KI-Plattform und investiert in Cybersicherheit – unter anderem mit einem rund um die Uhr besetzten Security Center sowie regelmäßigen Awareness-Schulungen für Mitarbeitende.