DigitalMindsKA: Torben Stieglitz – Netzwerker, Möglichmacher, Wirtschaftsförderer

Zum Beitrag über Torben Stieglitz

Die Initiative karlsruhe.digital vereint Karlsruher Akteur*innen aus Wissenschaft, Wirtschaft, Kultur und Verwaltung mit dem Ziel, Karlsruhe als Motor der Digitalisierung voranzutreiben – für Wettbewerbsfähigkeit, Lebensqualität und Souveränität. Sie bündelt Expert*innenwissen, fördert Vernetzung und bearbeitet Themen ganzheitlich, um die digitale Zukunft der Stadt aktiv zu gestalten.

Und dahinter stehen Menschen. Menschen, die sich engagieren, für etwas brennen und genau deshalb ihre Zeit, ihre Ideen und ihr Fachwissen einsetzen. Wer diese Menschen, die digitalen Köpfe, sind, möchten wir sichtbar machen. Einmal im Monat fragen wir die Digital Minds danach, was sie antreibt und welche Visionen sie haben.

Im dreizehnten Teil unserer Reihe besuchen wir Torben Stieglitz, Leiter der Karlsruher Wirtschaftsförderung.

Ein grauer Tag, ein klarer Blick

Ein grauer Herbsttag in Karlsruhe. Der Wind treibt feinen Nieselregen über die Dächer, während sich das Laub in kleinen Wirbeln über die Pflastersteine des Marktplatzes verteilt. Die Menschen eilen mit hochgeschlagenen Kragen und zusammengehaltenen Schirmen über die Straßen, das Stadtleben scheint ein wenig gedämpfter als sonst.

Wir sind auf dem Weg zur Karlsruher Wirtschaftsförderung, wo uns deren Leiter Torben Stieglitz gleich Rede und Antwort stehen wird. Vor Ort angekommen, durchqueren wir aber zunächst einmal ewig lange Flure voller geöffneter Türen, begleitet von Stimmen aus Besprechungsräumen und dem Klappern von Tastaturen. Wie sich später herausstellen wird, haben wir den falschen Eingang genommen.

Stieglitz erwartet uns bereits, freundlich lächelnd, als hätte er unsere kleine Irrfahrt schon kommen sehen. Von seinem hellen Büro aus fällt der Blick direkt auf den Karlsruher Marktplatz. Für uns der perfekte Einstieg, passend zur Frage, was ihm zuerst durch den Kopf geht, wenn er Karlsruhe hört.

Stieglitz muss nicht lange überlegen. „Berufsbedingt denke ich natürlich zuerst an einen innovativen, starken Wirtschaftsstandort“, sagt er und lehnt sich leicht zurück. „Karlsruhe ist stark mittelständisch geprägt, mit vergleichsweise wenig Industrie, dafür aber einer Vielzahl an IT-Dienstleistern.“ Seine Stimme bekommt einen warmen Unterton, als er ergänzt: „Privat ist Karlsruhe für mich allerdings vor allem eines, eine grüne Stadt, mit viel Wald und weitläufigen Grünflächen, die einen hohen Freizeitwert bietet.“

Vom Lehramt zur Wirtschaftsförderung

Während der Regen unermüdlich gegen die Fenster prasselt, sprechen wir mit Stieglitz über seinen persönlichen Werdegang, seine Erfahrungen und darüber, wie man Leiter der Wirtschaftsförderung einer Stadt wie Karlsruhe wird.

„Eigentlich habe ich Lehramt studiert“, sagt er, „aber rückblickend wäre das wohl nichts für mich gewesen. Ich bin eher jemand, der gern anpackt, ein Schaffer.“ Nach dem Studienabbruch stand für ihn fest, dass ein klassisches Vollzeitstudium nicht infrage kommt. „Ich wollte etwas, das Praxis und Theorie verbindet“, erzählt er. Fündig wurde er schließlich an der DHBW Mannheim, im damals noch jungen Studiengang Wirtschaftsförderung.

„Ich habe mich bei der Stadt Mannheim beworben und wurde genommen“, erinnert er sich. „Das war eine spannende Zeit, denn die Wirtschaftsförderung wurde dort gerade völlig neu aufgestellt.“ Als Student erlebte er hautnah mit, wie aus einer klassischen Linienorganisation eine Matrixstruktur entstand, ein damals ungewöhnlicher Schritt für eine Verwaltung. 2012 wurde Stieglitz übernommen und startete als Firmenbetreuer für kleine und mittelständische Unternehmen.

Parallel absolvierte er einen MBA. „Das war kurz nach der Geburt unserer Zwillinge. Die Masterarbeit habe ich dann kurz vor der Geburt unserer dritten Tochter abgegeben“, erzählt er mit einem Lächeln. Ab 2019 übernahm Stieglitz die Stelle als Strategiekoordinator und entwickelte die wirtschaftspolitische Ausrichtung der Stadt Mannheim weiter. „Mein Schwerpunkt lag auf Greentech und Smart Economy, also auf der Digitalisierung der Wirtschaft im weiteren Sinne. Da war viel Pionierarbeit gefragt.“

Kurze Wege, starke Netzwerke

Seit Mitte September 2024 leitet Stieglitz nun die Wirtschaftsförderung der Stadt Karlsruhe. „Ich habe in den vergangenen Jahren viele Facetten wirtschaftlicher Entwicklung kennengelernt, von der Praxis bis zur Strategie. Jetzt freue ich mich, diese Erfahrungen hier in Karlsruhe einzubringen.“

„Karlsruhe hat durch seine Größe einen entscheidenden Vorteil“, sagt er. „Hier gibt es die berühmten kurzen Wege, man kennt sich, man begegnet sich ständig, und das macht vieles einfacher.“ Er schmunzelt. „Man sagt ja gern, Karlsruhe ist das größte Dorf Deutschlands, und da ist tatsächlich etwas dran. Wenn ich etwas brauche oder ein neues Projekt anstoßen will, finde ich hier schnell die richtigen Leute. Die Zugänge sind einfach, die Hemmschwellen niedrig.“

Diese enge Vernetzung zeigt sich in einer Vielzahl von Strukturen und Initiativen. „Wir haben mit karlsruhe.digital, dem CyberForum, den wissenschaftlichen Einrichtungen und Clustern wie K³ oder Fokus Energie ein unglaublich starkes Netzwerk“, erklärt Stieglitz. „Das schafft ideale Voraussetzungen, um Themen gemeinsam voranzubringen, über Organisations- und Branchengrenzen hinweg.“

Was ihm besonders auffällt: „Fast alles hat heute irgendeinen Digitalbezug. Die meisten Entwicklungen funktionieren gar nicht mehr ohne Digitalisierung. Karlsruhe hat das früh erkannt und ein funktionierendes digitales Ökosystem aufgebaut, das ist in dieser Form wirklich einzigartig.“

Torben Stieglitz arbeitet am Tablet, beklebt mit Stickern wie „Fächerliebe“
Torben Stieglitz in seinem Büro: Seit 2024 leitet er die Wirtschaftsförderung der Stadt Karlsruhe. Foto: Netzoptimisten

Die Rolle der Wirtschaftsförderung

Draußen hat der Regen inzwischen aufgehört. Die Tropfen auf der Fensterscheibe glitzern im Nachmittagslicht, während der Duft von frisch aufgebrühtem Kaffee den Raum erfüllt. Stieglitz schenkt sich eine Tasse nach, und uns drängt sich nach all dem die Frage auf, wie genau man sich die Rolle der Wirtschaftsförderung bei der Vielzahl an Playern überhaupt vorstellen muss.

„Viele denken bei Wirtschaftsförderung zuerst an Geld“, sagt er und schüttelt leicht den Kopf. „Das spielt zwar eine Rolle, aber es ist nur ein kleiner Teil unserer Arbeit. Viel wichtiger ist, dass wir Unternehmen in allen Lebenslagen unterstützen und die richtigen Verbindungen herstellen. Manchmal sind es Kontakte in die Wissenschaft, manchmal zu anderen Unternehmen. Es kommt oft vor, dass mir jemand erzählt, sie entwickeln gerade ein neues Produkt, aber ihnen fehlt jemand, der eine bestimmte Technologie beherrscht. Genau da kommen wir ins Spiel.“

Auch in alltäglichen Fragen sieht Stieglitz seine Rolle als Vermittler und Übersetzer. „Manchmal geht es um ganz banale Dinge, etwa Verwaltungsangelegenheiten. Mein Anspruch ist nicht zu sagen, ,Rufen Sie da an‘, sondern, ,Wir begleiten Sie durch den Prozess.’“ Er lächelt. „Ein Klassiker ist die Baugenehmigung. Da prallen oft zwei Welten aufeinander, weil Wirtschaft und Verwaltung einfach unterschiedliche Sprachen sprechen.“

Stadt, Wirtschaft, Menschen verbinden

Neben diesen alltäglichen Themen gehe es aber auch darum, das größere Ganze im Blick zu behalten. „Wir binden Unternehmen in Netzwerke ein, etwa in karlsruhe.digital, um Menschen zusammenzubringen und funktionierende Ökosysteme aufzubauen. Wir stellen Kontakte ins Ausland her, beraten zu Fördermitteln oder kümmern uns um den Einzelhandel in der Innenstadt und das Handwerk. Das ist ein wichtiger Berührungspunkt mit der Bürgerschaft, denn unsere Aufgabe ist es, die Wirtschaft nicht nur zu fördern, sondern sie mit der Stadt und ihren Menschen zu verbinden.“

Der Mensch hinter dem Schreibtisch

Langsam nähern wir uns dem Ende unseres Gesprächs. Nach all den Einblicken in Strategien, Netzwerke und Strukturen interessiert uns nun noch der Mensch hinter dem Amt. Wie sieht eigentlich der Alltag eines Wirtschaftsförderers aus, und was treibt ihn persönlich an?

Stieglitz lacht. „Ehrlich gesagt, das ist schwer zu beschreiben“, sagt er. „Ich habe über zehn Jahre DHBW Studierende ausgebildet und die erste Frage, die ich ihnen immer gestellt habe, war: Wie stellen Sie sich den typischen Tag eines Wirtschaftsförderers vor?“

Er erklärt, dass er es schon lange aufgegeben habe, sich morgens einen Plan für den Tag zu machen, weil er sich sicher sein könne, dass dieser zu neunzig Prozent nicht funktionieren werde. „Klar, es gibt klassische Bürotätigkeiten, Abstimmungen, Sitzungen, aber dann kommt ein Anruf, eine E-Mail oder ein Thema, das plötzlich Priorität hat, und alles ist wieder anders.“

Trotz dieser Unvorhersehbarkeit wirkt Stieglitz nicht gestresst, sondern ruhig und geerdet. „Ich bin unglaublich dankbar für die Menschen, die hier arbeiten. Ohne mein Team würde nichts laufen, denn Wirtschaftsförderung ist immer Teamarbeit. Jeder trägt einen kleinen Baustein bei, und nur gemeinsam können wir Projekte umsetzen, Ideen entwickeln und nach draußen tragen.“

Bevor wir gehen, wollen wir noch wissen, wie Stieglitz privat abschaltet. „Eigentlich gar nicht“, gibt er lachend zu. „Früher habe ich fünf- bis sechsmal die Woche Sport gemacht, Fußball, Tennis, irgendwann ist das eingeschlafen, aber ich versuche da jetzt wieder reinzukommen.“ Am Wochenende verbringt er dann viel Zeit mit seiner Familie. „Das ist mein Ausgleich. Das erdet mich und holt mich runter.“

Für uns ist es nun an der Zeit zu gehen. Als wir das Gebäude verlassen, hat der Wind etwas nachgelassen. Der Marktplatz liegt still, nur vereinzelt spiegelt sich das Licht der Straßenlaternen in den nassen Pflastersteinen. Über der Stadt hängt noch der letzte Dunst des Regens, und für einen kurzen Moment scheint alles in sanftem Grau zu ruhen. Stieglitz steht am Fenster seines Büros, blickt hinunter auf den Platz und nickt uns zum Abschied zu.