#DigiWomenKA: Professor Kay Margarethe Berkling

von Katharina Iyen

Im europäischen Vergleich ist Deutschland in digitalen Rankings eher im Mittelfeld unterwegs. Über den Tellerand blicken und über Grenzen hinaus denken – gepaart mit Intelligenz und Fachwissen – könnte uns weiter nach vorne bringen. Expertise, Wertesystem und Mindset von Pionier*innen wie Professor Kay Margerete Berkling können helfen, echte Lösungen zu finden. In der Reihe #DigiWomenKA trifft Katharina Iyen einmal pro Monat eine Karlsruherin, um mehr über sie und Ihr Engagment zu erfahren.

Kay Margarethe Berkling und ich treffen uns in meiner Wohnung in Ettlingen. Die mit dem Landeslehrpreis 2021 ausgezeichnete Informatik-Professorin der DHBW Karlsruhe lebt zurzeit im Albtal. Lässig reist sie mit der S-Bahn an und zieht im Flur sofort ihre Schuhe aus.

Auf einer Weltreise im Rahmen ihres Post-Doc trifft Kay Berkling 1996 in Karlsruhe auf ihren heutigen Mann. Gemeinsam lebten sie an vielen Orten, bis sie 2009 von Puerto Rico in die Region zogen. Die New-Yorkerin schätzt viele Dinge in Karlsruhe: „Die Verbindung von Technik, Nachhaltigkeit und Natur macht für mich die Schönheit dieser Gegend aus“.

Auch in Karlsruhe tut sich einiges in Sachen Frauen-, Mädchen- und Nachwuchsförderung

An der DHBW Karlsruhe mag Berkling vor allem die Zusammenarbeit mit den Dual-Studierenden: “Sie sind sehr praxisorientiert und bereichern die Vorlesungen mit Wissen aus Industrie und technischen Hobbies.“ An anderer Stelle sieht die Informatik-Professorin noch Entwicklungspotenziale: „Die Vernetzung von Frauen in der IT könnte stärker sein und es gibt leider noch zu wenig Professorinnen in den MINT-Fächern.“

Tendenziell sieht sie aber eine positive Entwicklung: „Die Situation verändert sich – gerade haben wir an der DHBW zwei neue Professorinnen für technische Bereiche begrüßt. Auch studiert eine spürbar wachsende Zahl von Frauen Informatik.“

Foto: Kay Berkling

Am Standort Karlsruhe schätzt sie die Arbeit starker Akteure, wie die des CyberForum e.V.: „Dem Verein ist es über die letzten Jahre gelungen, Schulkinder für Informatik zu begeistern und sie zu einer greifbaren Normalität zu machen. Viele Bildungsstätten bieten mehr Technik AGs an.“ Zwei wichtige Stellschrauben sieht sie bei der Digitalisierung deutscher Schulen: „Mehr Zeit und Unterstützung für Lehrkräfte durch das Bildungsministerium ist die Basis für einen Durchbruch nach vorne. Und natürlich schnelles Internet überall.“

Technologie braucht kein besseres Image, alle Geschlechter brauchen Förderung

Kay Berkling brennt dafür, allen Geschlechtern den Weg in die Informatik freizumachen. Die Interview-Atmosphäre mit der entspannten und bescheiden wirkenden Professorin ist locker und kurzweilig, voll praktischer Lösungsansätze. „Wir müssen Technologie nicht als sexy verkaufen, das ist sie schon von sich aus! Informatik sollte ab der ersten Klasse Grundschule und mit allen Fächern verzahnt Unterrichtet werden. Sie muss, völlig unabhängig vom Geschlecht, ganz selbstverständlich für alle zugänglich sein.“

Das Abschaffen bewusster sowie unbewusster Voreingenommenheit und den daraus resultierenden Diskriminierungen im Alltag ist für sie essenziell. Aber der sogenannte „Unconscious Bias“, also unbewusste Stereotype, machten auch vor ihr nicht halt: „Ich hatte mal eine Studierende in Puerto Rico. Sie trug sehr aufwendiges Make Up, lange lackierte Fingernägel und modische knallbunte Kleidung. Ich fragte mich, wie sie bei diesem Styling-Aufwand Zeit fürs Informatikstudium finden wollte. Zwei Monate später war sie weg – weil sie für unsere Uni zu gut war und am M.I.T weiterstudierte.“

Foto: Unsplash.com/Radowannakif Rehan

Beeinflusst von Janis Joplin und Chip-Technologie

Berklings Eltern waren Deutsche, die nach Amerika auswanderten. Geboren und aufgewachsen ist sie in New York – zur Zeit von Woodstock, in der Ära von Janis Joplin: „Die Hippie-Bewegung hat mich geprägt. Meine Elterngeneration hat die Büstenhalter verbrannt. Das hieß in Konsequenz, dass alle Geschlechter gleich sind.“ Ihr Vater war Physiker für Chip-Technologie bei IBM und in der Forschung. „Es gab zwar schon Computer, aber noch kein eigenes Fach dafür – deswegen waren die Informatiker damals noch Physiker“, erklärt die Professorin.

In den 80er Jahren lebte sie mit ihrer Familie in Standford, wo ihr Vater an der Uni zu Chip-Entwicklung forschte. „Er war der erste Deutsche an der Universität Standford, der das machte. Seine Designs aus Pappe hingen an der Laborwand, die Einzelteile repräsentierten die verschiedenen Metalle und waren zur Unterscheidung bunt angemalt“, lacht Berkling. „Das war für mich alles normal. Ich bin im Umgang mit Technologie in Selbstverständlichkeit aufgewachsen. Bei uns daheim hingen statt Bildern irgendwelche Chip-Modelle an der Wand.“ Schon als Kind probiertes sie sich am Basteln technischer Geräte – wie Maschinen oder Radios – aus. An der Uni schrieb sie sich für Elektrotechnik ein, allerdings hatte sie Angst vor dem Fach Elektromagnetik: „Ich lernte dann doch lieber Chips bauen und studierte Computerwissenschaften.“

Foto: Unsplash.com/Robo Wunderkind

Chancen der Digitalisierung sollten auch im Bildungsbereich ergriffen werden

Die Professorin forscht an Orthografie-Erwerb und Gamification. „Wir müssen Sprache wirklich beherrschen, da auf ihr alles aufbaut“, erklärt sie. Berkling entwickelt Spiele, in denen Spracherwerb für Schüler*innen zum emotionalen Erlebnis wird. „In der breiten Wahrnehmung ist Spielen noch das Gegenteil von Lernen. Es ist aber viel effektiver, spielerisch zu üben. Ich durchlebe im Spiel das zu Lernende und verknüpfe so Wissen mit Emotionen. Und Games liefern automatisch eine gesunde Fehlerkultur – nach dem Prinzip Trial-and-Error. Das brauche ich für alle innovativen Prozesse.“

Für ihre Lehre hat die DHBW-Professorin drei tragende Säulen definiert: Autonomy, Mastery und Purpose. Autonomy heißt für die Forscherin, dass die Lehre personalisiert und individuell ist, zum Beispiel durch Gamification. Mastery bedeutet, dass man etwas so lange lernen darf, bis man es beherrscht. Und Purpose, dass man sinnvolle Dinge tun kann und ein Mitbestimmungsrecht hat. „Das beinhaltet auch einen gewissen Respekt vor Ideen und Wissen von Schüler*innen und Student*innen“, erläutert Berkling.

Ihren DHBW-Student*innen schenkt sie viel Freiraum. In Projektarbeiten suchen diese selbst aus, mit welcher Software sie arbeiten und was sie programmieren möchten: „Sie sollen in den vorgesehenen 900 Stunden etwas tun, wovon sie glauben, dass es die Welt verbessern kann“. Lachend fügt sie hinzu: „Wenn ich Pech habe, muss ich mich dann in neue Software einarbeiten. Nicht der bequemste Weg für mich, aber die Ergebnisse sind oft inspirierend!“

Die Autorin unseres Blogs Katharina Iyen studierte Deutsche Literatur und Philosophie in Karlsruhe und Heidelberg sowie Business Management – mit Schwerpunkt Marketing & Medien – in Heilbronn. Sie ist Scheffel-Preisträgerin der Literarischen Gesellschaft am Oberrhein. Als selbstständige Conceptionerin, Copywriterin und Consultant arbeitet Katharina im Digital Marketing. Sie gibt Workshops, hält Vorträge und kreiert Content für digitale Produkte und Services in agilen Teams. Katharina ist Gründerin der Text-Agentur EdiCut in Karlsruhe und Mit-Gründerin der Digital-Agentur [BusinessRebels] in Heidelberg. Sie ist Expertin im Tink Tank Coworking-Netzwerk und regelmäßig vor Ort anzutreffen.

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