Digitale Gegenwart, analoge Begegnung

Zum Beitrag über das Digitaltheater

Ein Theaterabend kann wie eine analoge Ruhe-Oase im Alltag wirken. Für eine begrenzte Zeit sitzt man mit anderen Menschen in einem Raum, schaltet Geräte stumm, richtet die Aufmerksamkeit nach vorn und lässt sich auf eine gemeinsame Erfahrung ein. Was draußen geschieht, tritt zurück. Der Bühnenraum wird zum Fokus – nicht als abgeschottete Welt, sondern als Ort, an dem Wirklichkeit verdichtet erscheint.

Gerade weil Theater diese besondere Form von Öffentlichkeit herstellt, steht es in engem Verhältnis zu den Bedingungen seiner Zeit. Unsere Gegenwart ist von digitalen Infrastrukturen geprägt, die Kommunikation, Wahrnehmung und gesellschaftliche Prozesse mitformen. Wenn Theater Gegenwartskunst sein will, begegnet es diesen Strukturen zwangsläufig. Das Digitaltheater am Badischen Staatstheater Karlsruhe entsteht aus dieser künstlerischen Notwendigkeit heraus. Es versteht Digitalität nicht als Zusatztechnik, sondern als Stoff, Thema und ästhetisches Werkzeug. Der Theaterabend bleibt ein analoges Ereignis im gemeinsamen Raum; doch die Mittel, mit denen erzählt, komponiert und inszeniert wird, greifen bewusst auf digitale Technologien, Denkweisen und Strukturen zurück. Digitalität wird nicht vorgeführt, sondern in künstlerische Prozesse überführt und als Teil heutiger Lebensrealität erfahrbar gemacht.

Wie Digitalität hier zur Kunst wird

Im Karlsruher Digitaltheater wirken digitale Systeme unmittelbar an der Entstehung der ästhetischen Form mit. Netzwerke, algorithmische Prozesse oder KI-gestützte Verfahren beeinflussen Bilder, Räume und Klangverläufe. Technische Infrastrukturen wie modulare Bildflächen oder vernetzte Rechensysteme bleiben dabei nicht hinter der Illusion verborgen, sondern werden als Teil der Gestaltung sichtbar.

So erhalten Vorgänge, die im Alltag meist im Hintergrund operieren, eine sinnliche Dimension. Datenflüsse, Berechnungen oder digitale Rückkopplungen erscheinen als Kräfte, die Atmosphäre, Rhythmus und Wahrnehmung mitbestimmen. Das Theater übersetzt diese unsichtbaren Strukturen in körperlich erfahrbare Situationen und macht digitale Gegenwart als ästhetische Erfahrung zugänglich.

Diese Arbeitsweise prägt auch die Position des Digitaltheaters innerhalb des Hauses. Es ist ein eigenständiger künstlerischer Bereich und zugleich Impulsgeber für andere Sparten. Digitale Fragestellungen wirken in unterschiedliche theatrale Kontexte hinein und verändern bestehende Formen, anstatt als isoliertes Spezialgebiet neben ihnen zu stehen.

Draufsicht auf "Paradise Found"
„Paradise Found – Wo ist dein Paradies?“ – Prototyp – Episode 1: Ouvertüre – Erste Mixed-Reality-Station des Projekts am K. (Tageskasse); Regie & Konzept: Kevin Barz; Foto: Arno Kohlem

Wenn die Stadt zur Bühne wird: „Paradise Found“

Wie dieser Ansatz konkret aussieht, zeigt das Projekt Paradise Found. Gespräche mit Karlsruher Bürger*innen über ihre Vorstellungen eines persönlichen Paradieses bilden das Ausgangsmaterial. Aus Sprachrhythmen entwickeln sich musikalische Strukturen, aus Erzählfragmenten szenische Momente, die sich mit neu komponierten Opernepisoden verbinden. Persönliche Erinnerungen, Hoffnungen und Bilder von Glück werden in eine ästhetische Form überführt, die dokumentarisches Material und künstlerische Verdichtung verschränkt.

Erfahrbar wird dieses Gefüge nicht nur im Theaterraum. Mixed-Reality-Stationen im Stadtraum erweitern reale Orte um digitale Ebenen, sodass Klang, Bild und Umgebung in ein vielschichtiges Verhältnis treten. Wer sich durch diese Stationen bewegt, erlebt eine Überlagerung von Alltagsraum und künstlerischer Setzung. Die Stadt wird Teil der Inszenierung, ihre Bewohner*innen zu Mitwirkenden eines Prozesses, der individuelle Perspektiven in eine gemeinsame ästhetische Erfahrung überführt. Digitale Mittel dienen hier nicht der Flucht aus der Wirklichkeit, sondern ihrer Verdichtung.

Vernetzung als künstlerisches Prinzip

Das für digitale Systeme grundlegende Prinzip der Vernetzung prägt auch die künstlerische Denkweise des Digitaltheaters. Verbindungen entstehen zwischen Sparten, zwischen Theater und Stadtgesellschaft sowie im Austausch mit wissenschaftlichen und medialen Institutionen vor Ort. In diesem Geflecht begegnen sich ästhetische, technologische und gesellschaftliche Fragestellungen gleichzeitig.

Daraus entwickeln sich Formen, die zwischen Musiktheater, performativer Anordnung und installativem Raum vermitteln. Szenische Abläufe reagieren auf mediale Impulse, musikalische Strukturen greifen dokumentarisches Material auf, Räume verändern sich durch digitale Projektionen oder interaktive Systeme. Die Grenzen zwischen Bühne, öffentlichem Raum und medialer Ebene werden durchlässig, während der Theaterbesuch dennoch ein live erlebtes Ereignis bleibt.

Ein Ort, an dem digitale Gegenwart verhandelbar wird

In einer Umgebung, in der digitale Prozesse viele Lebensbereiche unsichtbar strukturieren, übernimmt Theater eine besondere Funktion. Es schafft Situationen, in denen diese Prozesse wahrnehmbar, verlangsamt und hinterfragbar werden. Technologische Entwicklungen erscheinen nicht als abstrakte Infrastruktur, sondern als Kräfte, die Wahrnehmung, Beziehungen und gesellschaftliche Dynamiken mitformen.

Diese Haltung formuliert Kevin Barz, Leiter und Begründer des Karlsruher Digitaltheaters, klar. Man wolle „keinen Eskapismus, nicht die VR-Brille aufsetzen und in eine digitale Welt flüchten“, sondern mit der realen Welt in Kontakt treten, „die Konflikte in der Welt sehen und damit arbeiten“.

Portrait Leitung Digitaltheater
Kevin Barz (Leiter Digitaltheater), Anna-Teresa Schmidt (Dramaturgin Digitaltheater). Foto: Arno Kohlem

Warum das Digitaltheater mehr ist als eine neue Sparte

Das Digitaltheater zeigt, dass Innovation nicht bedeutet, die Grundlagen des Theaters aufzugeben. Die Auseinandersetzung mit digitalen Technologien schärft vielmehr den Blick für das, was Theater ausmacht: Die Begegnung von Menschen in einem gemeinsamen Raum und die Offenheit eines Moments, der sich nicht vollständig kontrollieren oder eins zu eins wiederholen lässt.

Digitale Werkzeuge erweitern die ästhetischen Möglichkeiten, eröffnen neue Formen der Beteiligung und verschieben die Beziehungen zwischen Bühne, Stadt und medialem Raum. So wird das Digitaltheater zu einem künstlerischen Versuchsfeld dafür, wie Theater unter den Bedingungen digitaler Gegenwart erzählen, komponieren und Gemeinschaft stiften kann – nicht jenseits der Wirklichkeit, sondern mitten in ihr.