Digitale Spuren lesen: „Digital Traces“ und UNESCO City of Media Arts auf der art karlsruhe 2026

Zum Beitrag über digital Traces

Mit der Sonderschau „Digital Traces“ präsentiert die Sammlung der Landesbank Baden-Württemberg auf der art karlsruhe 2026 eine Ausstellung, die sich dem Einfluss digitaler Technologien auf zeitgenössische künstlerische Praxis widmet. Kuratiert von Sarah Haberkorn, Leiterin der Sammlung LBBW, versammelt die Schau Arbeiten, die Digitalisierung nicht als bloßes Werkzeug begreifen, sondern als kulturelle Realität, die Wahrnehmung, Bildproduktion und Autorschaft grundlegend verändert.

Digitale Spuren lesen lernen

Digitale Technologien sind längst keine Zukunftsvision mehr, sondern ein selbstverständlicher Teil unseres Alltags. Sie strukturieren Kommunikation, beeinflussen politische Meinungsbildung, verändern Arbeitsprozesse – und prägen unsere Bildkulturen in einem bislang kaum dagewesenen Ausmaß. Dass zeitgenössische Kunst auf diese Entwicklungen reagiert, ist wenig überraschend. Spannend wird es dort, wo sie nicht bei der Illustration des Digitalen stehen bleibt, sondern dessen Logiken, Brüche und Ambivalenzen sichtbar macht. Genau hier setzt die Sonderschau „Digital Traces“ im Rahmen der diesjährigen art karlsruhe an.

Die von der Sammlung der Landesbank Baden-Württemberg präsentierte Ausstellung lässt sich nicht als technikaffines Schaulaufen neuer Medien lesen. Vielmehr verhandelt sie eine zentrale Frage unserer Gegenwart: Wie verändert die Digitalisierung unser Verständnis von Bildern, Autorschaft und Wirklichkeit? Und welche Rolle spielt der Mensch in diesem Prozess noch?

Zwischen Werkzeug, Weltbild und Widerstand

Digitale Transformation ist längst kein abstraktes Zukunftsthema mehr, sondern ein gestaltbarer Bestandteil gesellschaftlicher Realität. „Digital Traces“ knüpft genau hier an und eröffnet einen differenzierten Blick auf digitale Technologien als kulturelle Praxis. Die gezeigten Arbeiten bewegen sich in einem Spannungsfeld, in dem digitale Technologien zugleich Werkzeug, Thema und gesellschaftliche Realität sind.

Dabei geht es weniger um das „Neue“ der Technik als um deren Folgen: um Verschiebungen von Kontrolle und Zufall, um automatisierte Bildproduktion, um die Frage, wem Bilder gehören und wie Bedeutung entsteht, wenn Algorithmen mitgestalten. Viele der beteiligten Künstler*innen behandeln digitale Systeme nicht als Black Box. KI-Software, Bildgeneratoren oder digitale Archive werden offengelegt, hinterfragt oder bewusst ästhetisch gebrochen. So entstehen Werke, die das Digitale nicht naturalisieren, sondern seine Bedingungen sichtbar machen – inklusive seiner Fehler, Verzerrungen und Machtstrukturen.

Künstlerische Positionen zwischen Meme, Material und Algorithmus

So etwa bei den Arbeiten von Avery Gia Sophie Schramm, in denen digitale Bildkulturen konsequent in die Malerei überführt und mit Fragen von Identität, Körper und Selbstinszenierung verknüpft werden. Die scheinbar glatten Oberflächen von Schramms Werken verweisen auf soziale Medien, Avatare und virtuelle Räume. They verdichtet Memes, GIFs oder Logos digital zu komplexen Kompositionen und überträgt diese anschließend mit Öl auf Leinwand, um sie in geradezu altmeisterlicher Technik zu materialisieren. Die Arbeiten stellen sich damit bewusst gegen die Flüchtigkeit virtueller Bilder und zeigen, wie eng digitale Bildwelten an Begehren, Projektionen und Machtverhältnisse gebunden sind.

Digitale Bilder entschleunigen

Schramm beschreibt diesen Prozess als einen Balanceakt zwischen Offenheit und Verantwortung: „Ich gehe mit den digitalen Bildern sehr frei um, aber dieser Freiheit geht ein intensiver Auswahlprozess voraus. Mich interessiert, Montagen zu schaffen, die ich selbst nicht vollständig eindeutig deuten kann, bei denen Verantwortung nicht über Erklärung, sondern über Kontext entsteht. In meinen Arbeiten taucht ein breites Spektrum auf – von Bildern, vor denen ich Angst habe, bis zu solchen, in denen ich Potenziale sehe, die bislang zu wenig wahrgenommen wurden. Problematische Bilder versuche ich nicht zu reproduzieren, sondern neu zu kontextualisieren und zu dekonstruieren.“

Gerade in der Überführung digitaler Bildwelten in Malerei wird diese Haltung greifbar. Die Logiken und Wirkungen digitaler Bilder, ihre Einschreibungen von Begehren, Projektionen und Machtverhältnissen, verlieren ihre scheinbare Natürlichkeit und werden als Konstruktionen sichtbar: „In der Überführung digitaler Bilder in Malerei manifestiert sich für mich etwas, das im Digitalen oft schwer greifbar bleibt. Die Wirkungen dieser Bilder werden fassbar, weil sie in die analoge Welt übersetzt werden. Dadurch entsteht ein anderer Umgang mit ihnen – und die Möglichkeit, sie gesellschaftlich zu verhandeln.“

Digitale Bildprozesse im künstlerischen Dialog

Auch Mary-Audrey Ramirez bewegt sich an der Schnittstelle von analoger und digitaler Bildproduktion. In ihren Arbeiten treffen computergenerierte Strukturen auf malerische oder grafische Eingriffe. Das Digitale erscheint hier nicht als immaterielle Sphäre, sondern als Prozess, der Spuren hinterlässt – in Formen, Texturen und Brüchen. Gerade diese Hybridität macht sichtbar, dass digitale Bilder nie losgelöst von materiellen, historischen und subjektiven Bedingungen entstehen.

Mit Manuel Graf und Andreas Greiner sind zudem Positionen vertreten, die den Einfluss algorithmischer Systeme und datenbasierter Prozesse auf unser Verhältnis zur Wirklichkeit thematisieren. Grafs Arbeiten verhandeln Fragen von Zeitlichkeit, Simulation und Zukunftsbildern, während Greiner sich häufig mit den Schnittstellen von Technologie, Natur und Wissenschaft auseinandersetzt. In beiden Fällen wird deutlich, dass Digitalisierung nicht nur neue Bildwelten hervorbringt, sondern bestehende Ordnungen von Wissen, Kontrolle und Verantwortung verschiebt.

Digitale Bildwelten sind keine abstrakten Räume

Ein zentraler Mehrwert der Ausstellung liegt darin, dass sie digitale Bildkulturen konsequent an soziale und biografische Kontexte zurückbindet. Memes, Gaming-Ästhetiken, KI-Bilder oder digitalisierte Familienarchive erscheinen hier nicht als neutrale Daten, sondern als Träger von Emotionen, Erinnerungen und politischen Implikationen.

Gerade in einer Zeit, in der KI-generierte Bilder kaum noch von menschlich produzierten zu unterscheiden sind, wird deutlich: Die entscheidende Frage lautet nicht, ob Maschinen Bilder erzeugen können, sondern wie Menschen diese Bilder auswählen, kontextualisieren, bewerten und weiterverarbeiten. „Digital Traces“ zeigt Kunst als einen Ort, an dem diese Verantwortung verhandelt wird – jenseits schneller technologischer Verwertungslogiken.

Kunst als Orientierungshilfe im digitalen Zeitalter

Was die Ausstellung letztlich auszeichnet, ist ihre Haltung. Sie verweigert einfache Antworten und zeigt stattdessen, dass künstlerische Praxis im digitalen Zeitalter nicht an Relevanz verliert, sondern neue Aufgaben übernimmt. Kunst wird hier zur Übersetzungsinstanz. Sie macht abstrakte technologische Prozesse sinnlich erfahrbar und eröffnet Räume, in denen Zweifel, Ambivalenz und kritische Distanz erlaubt sind.

Für die Besucher*innen bedeutet das: „Digital Traces“ ist keine Ausstellung, die erklärt, wie Digitalisierung funktioniert. Sie lädt vielmehr dazu ein, digitale Spuren zu lesen – im Bild, im Material, im eigenen Medienkonsum. Und genau darin liegt ihr Mehrwert: nicht im Spektakel, sondern in der nachhaltigen Reflexion.

Der Stand der UNESCO City of Media arts bei der art karlsruhe 2025
Die UNESCO City of Media Arts ist auch in diesem Jahr auf der art karlsruhe vertreten. Foto: Messe Karlsruhe/Jürgen Rösner

Karlsruhe als Resonanzraum: UNESCO City of Media Arts auf der art karlsruhe

Dass diese Sonderschau ausgerechnet in Karlsruhe gezeigt wird, ist kein Zufall. Als UNESCO City of Media Arts verfügt die Stadt über eine lange Tradition an der Schnittstelle von Kunst, Technologie und gesellschaftlicher Reflexion. Institutionen wie das ZKM haben früh dazu beigetragen, digitale Medien nicht nur als technische Innovation, sondern als kulturelle Praxis zu verstehen.

Mit der Präsenz der UNESCO City of Media Arts wird diese inhaltliche Verortung auf der art karlsruhe 2026 räumlich erfahrbar. Im Zentrum der Halle 3 ist mit „Soft Utopia“ eine großflächige Medienkunstinstallation des Karlsruher Kollektivs Atelier B2 zu sehen. Die Arbeit lädt Besucher*innen dazu ein, digitale Zukunftsräume nicht nur zu betrachten, sondern körperlich zu erleben und gemeinschaftlich zu nutzen.

„Soft Utopia“ als begehbarer Zukunftsraum

„Soft Utopia“ ist als begehbares Medienkunstwerk konzipiert, das idealisierte Vorstellungen zukünftiger Lebensräume mit einem bewusst sanften, beinahe ironisch positiven Blick auf unser künftiges Zusammenleben verbindet. Eine organisch geformte Liegelandschaft aus textiler Polsterung umhüllt die Besucher*innen, während über ihnen ein leuchtender Bildschirmhimmel schwebt, der sensibel auf Bewegungen reagiert. Architektur erscheint hier nicht als starre Struktur, sondern als formbares, lebendiges Gegenüber.

Als Projekt im Kontext der UNESCO City of Media Arts und in Partnerschaft mit karlsruhe.digital macht „Soft Utopia“ Digitalisierung als gestaltbaren Prozess erfahrbar. Digitale Technologien dienen nicht primär der Effizienzsteigerung, sondern eröffnen neue Formen von Begegnung, Teilhabe und urbanem Zusammenleben. Die Installation verbindet digitale Medien, architektonische Gestaltung und gesellschaftliche Fragestellungen zu einem sinnlichen Erfahrungsraum, der Wandel, Vernetzung und kollektive Gestaltung sichtbar macht. Damit positioniert sich „Soft Utopia“ als zukunftsorientiertes Kunstprojekt im Messekontext und unterstreicht den Anspruch, digitale Transformation nicht nur auszustellen, sondern gemeinsam mit dem Publikum zu denken – und zu erleben.

art karlsruhe: Ort der inhaltlichen Verdichtung

Gemeinsam zeigen die Begleitausstellung „Digital Traces“ und die Präsenz der UNESCO City of Media Arts auf der art karlsruhe, dass digitale Transformation mehr ist als ein technologischer Prozess. Sie wird hier als kulturelle Aufgabe sichtbar, die Wahrnehmung, Verantwortung und Gestaltung betrifft. Wer sich darauf einlässt, begegnet Digitalisierung nicht als abstraktem Zukunftsversprechen, sondern als gelebter, gemeinsam formbarer Realität. Damit wird die art karlsruhe nicht nur zum Marktplatz zeitgenössischer Kunst, sondern auch zu einem Ort der inhaltlichen Verdichtung, ein Aspekt, der im Messebetrieb keineswegs selbstverständlich ist.

Cover: Avery Gia Sophie Schramm | COMMUNION. THE FEMALE SEARCH FOR LOVE (Title bell hooks, Meme Comedy Cemetery, Offline-Dinosaur, Queer FLINTA* Doomer on Purple to Pink Light Tunnel Gradient with Shadows), 2022 © Courtesy die KünstlerIn & Anton Janizewski, Berlin, Foto: Falk Messerschmidt