Blogbeitrag

Mobilitätsforscher Christoph Stiller: Zukunft des autonomen Fahrens

Innenraum des Fahreuges mit dem Monitor für die Ergebnisse der Messsensorenund Kameras am Fahrezug. Die Messsensoren sind außen am Fahrzeug und sehen praktisch die Welt, wie das Fahrzeug selbst. Das wird auf dem Bildschirm im Inneren des Fahrzeuges angezeigt. © copyright by KIT Presse, Kommunikation und Marketing Abdruck honorarfrei im redaktionellen Bereich Belegexemplar erbeten *** Local Caption *** Automatisiertes Fahren Professor Christoph Stiller über die Automatisierung des Fahrens Angesichts der milliardenschweren Förderprogramme für die Entwicklung führerloser Fahrzeuge in den USA ist die Gründung des Tech Center a-drive für den Leiter des Instituts für Mess- und Regelungstechnik Professor Christoph Stiller ein wichtiger Schritt, um die Forschungsaktivitäten in Deutschland in diesem industriepolitisch wichtigen Bereich zu bündeln. In der Kooperation zwischen Daimler AG, Universität Ulm, Forschungszentrum Informatik (FZI) und KIT sollen unter dem Dach des Tech Center a-drive autonome Fahrfunktionen schrittweise in die Serienproduktion gebracht werden.

Mobilitätsforscher Christoph Stiller ist Leiter des Instituts für Mess- und Regelungstechnik am Karlsruher Institut für Technologie (KIT) und einer der Direktoren des Forschungszentrums Informatik (FZI). Im Interview mit karlsruhe.digital spricht der Elektroingenieur über die Zukunft des autonomen Fahrens.


karlsruhe.digital: Wie lange wird es noch dauern, bis die ersten fahrerlosen autonomen Autos auf Deutschlands Straßen unterwegs sind?

Christoph Stiller: Das vollständig fahrerlose Auto ist das Ende der gesamten Entwicklung beim autonomen Fahren. Bis es auf allen Straßen soweit ist, werden wohl noch 15 Jahre ins Land ziehen. Auf den Autobahnen werden die ersten autonomen Autos allerdings bereits in einem Jahr unterwegs sein.

Die Sensortechnik für autonome Assistenzsysteme ist doch eigentlich bereits vorhanden. Was sind also derzeit die größten Herausforderungen?

Stiller: Bei der Entwicklung des autonomen Fahrens gibt es auch noch technische Probleme. Man muss die Technik schließlich so gestalten, dass die Sicherheit in sämtlichen Situationen gewährleistet ist. Zum Nachweis der Sicherheit braucht es zudem den Diskurs mit der Bevölkerung. Komplette Sicherheit im Straßenverkehr wird es allerdings auch künftig nicht geben. Aber es werden sich deutlich weniger Unfälle ereignen als mit von Menschen gefahrenen Autos.

Souveränität am Steuer

Deutschland ist ein Autofahrerland und eines der wenigen Länder ohne Tempolimit. Sind die Deutschen überhaupt bereit, ihre Souveränität am Steuer an Maschinen abzugeben?

Stiller: Das ist eine gute Frage. Aber es wird wohl zwangsläufig passieren. Es ist schließlich eine graduelle Entwicklung. Zunächst einmal sind einige Oberklassefahrzeuge autonom unterwegs und nach und nach migriert diese Entwicklung in die unteren Klassen. Irgendwann kann jeder selbst entscheiden, ob er bei langweiligen Autobahnfahrten selbst am Steuer sitzen will. Oder ob man sich wie in einem Zug einfach hinsetzt und fahren lässt. Natürlich kann niemand dazu gezwungen werden. Aber viele Leute werden den Komfort schätzen und die gewonnene Zeit anderweitig nutzen.

…und wie wird es dann weitergehen?

Stiller: …wenn Fahrzeuge in allen Situationen sicherer und zuverlässiger fahren als Menschen, wird man eine neue Diskussion bekommen. Nämlich ob Menschen überhaupt noch ans Steuer dürfen. Darf man zulassen, dass ein Mensch ein Kind überfährt? Oder muss in kritischen Situationen die Technik die Kontrolle übernehmen?

Wäre das dann ein Pendant zum Antiblockiersystem ABS?

Stiller: Prinzipiell ja. Der Unterschied aber ist, dass ABS erst einsetzt, wenn gebremst wird. Die eigentliche Aktion hat also der Fahrer initiiert. Bei autonomen Sicherheitssystemen übernimmt das Auto nach einer Warnung durch die Sensorsysteme die Kontrolle.

Ein Kofferraum, in dem viele technische Geräte und Kabel eingebaut sind. Bild: KIT
Professor Christoph Stiller über die Automatisierung des Fahrens. Übersicht der Technik im Kofferraum © KIT Presse, Kommunikation und Marketing

Mobilitätswende und Rahmenbedingungen

Ist das autonome Fahren eigentlich auch eine Chance, die Mobilitätswende voranzutreiben und mehr elektrische Autos auf die Straße zu bringen?

Stiller: Jein. Es sind immer noch zwei Entwicklungen, die parallel zueinander laufen. Das stellt auch für die Automobilindustrie eine Herausforderung dar. Künftig werden mit Sicherheit mehr Elektroautos autonom fahren. Aber Antriebstechnik und autonomes Fahren sind immer noch zwei unterschiedliche Entwicklungsfelder.

Sind in Deutschland überhaupt die gesetzlichen Rahmenbedingungen für das autonome Fahren vorhanden? Daimler führt Versuche mit autonomen Truck-Konvois wegen der rechtlichen Hürden auf deutschen Autobahnen bekanntlich in den USA durch.

Stiller: Der Föderalismus und die Verteilung der Verantwortlichkeit auf viele verschiedene Ministerien sind sicherlich nicht förderlich. Aber die Politik will die Industrie unterstützen und die Rahmenbedingungen schaffen. Schwierig wird wohl vor allem das Schaffen der notwendigen Zulassungskriterien. Jeder Mensch kann heutzutage einen Führerschein machen. Aber wie man ein automatisches Fahrzeug auf die Straße bringt, dafür gibt es noch keine Vorgaben. Ein weiteres Problemfeld ist der Datenschutz. Ein autonomes Fahrzeug muss schließlich Fußgänger erkennen und das ist nur durch eine gründliche Analyse der Daten möglich. Bilder von autonomen Fahrzeugen zu speichern und für die Weiterentwicklung der Sicherheitssysteme zu nutzen, ist in vielen europäischen Ländern aber nicht legal. In den USA ist es dagegen eine legale Dienstleistung.

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